Das Wohnhaus am Ufer des ehemaligen Werftgeländes der Wasserschutzpolizei der DDR in Berlin-Treptow fügt sich in seiner Materialität und Anmutung selbstverständlich in die industriell geprägte Umgebung von Betonstegen, Uferbefestigung und Bootshäusern aus den 70-er Jahren ein. Im Zusammenspiel mit dem benachbarten Ruinengarten, durch welchen der Blick zur Spree bewusst inszeniert wird, war es notwendig, die Wohnebene anzuheben und so einen großzügigen Blick auf das Wasser freizugeben. Diese Entwurfsentscheidung war auch für den Blick von Innen nach Außen wichtig; die Uferkante ist auf diese Weise nicht mehr wahrnehmbar. Die Spree scheint unter dem Wohnbereich hindurchzufließen.

Dem Charakter der Umgebung entsprechend wurde der schmale Leichtbeton-Kern, der das Gebäude zentral durchläuft und sowohl der Erschließung als auch der Versorgung des Gebäudes dient, mit einer industriellen Rahmenschalung ohne Sichtbetonanforderung ausgeführt. Um die Anordnung von Dehnungsfugen zu vermeiden, besteht der obere Attikakranz ebenfalls aus Leichtbeton. Für die Stützen wurde eine eigens angefertigte Holzlattenschalung verwendet, um, gleich der industriellen Rahmenschalung, zwar ein anderes aber ebenso lebhaftes Erscheinungsbild des Betons zu erzeugen.

Zwei Deckenplatten, die beidseitig bis zu 7,70 m über den Kern hinausragen und auf sechs Betonstützen ruhen, definieren die Wohnebene. Konträr zur Introvertiertheit des schmalen fensterlosen Kerns öffnet sich der Wohnbereich umlaufen nach außen. Die materielle Präsenz der Glasfassade mit ihren Eloxalelementen - ebenfalls eine Referenz an die 70-erJahre – betont das körperhafte Erscheinungsbild des Gebäudes. Der erhöhte Blick auf das Wasser lässt keine Ufermauer erkennen, so dass das Wasser darunter hindurch zu fließen scheint. Das Oberlichtband verbindet die beiden Deckenplatten optisch, proportioniert und gibt dem Innenraum einen menschlichen Maßstab.

Um den Längsfluss des Kernes, der alle Versorgungselemente enthält, möglichst wenig zu stören, sind die Trennwände zwischen Treppe, Küche und Bad aus Glasbausteinen gefertigt. Dieses typische Element findet sich auch an einigen Bestandsgebäuden des Grundstücks wieder, u.a. an dem direkt angrenzenden Bootshaus.

Die Umgebung wird auch im Innenraum thematisiert: Die lebhaften Betonoberflächen kommunizieren mit reversiblen Zebranoholzmöbeln, die den Wohnbereich zonieren und unterteilen. Ein langes Schrankmöbel lässt zwei Schlafräume entstehen, dessen Rückseite aus verputzen Lehmbauplatten das Raumklima reguliert. Auf der anderen Seite des Kerns proportioniert ein zweiseitig bespielbares Regal den großen Wohnraum und unterteilt diesen in zwei unterschiedlich nutzbare Bereiche. Die zum Wasser gerichtete Seite des Regals gleicht einem überdimensionalen Setzkasten, der mit verschiedenen Objekten bestückt wird.

Die Form des Geländers der Betonfertigteiltreppe ist der Absturzsicherung während der Rohbauphase nachempfunden. Das sägerauhe, teils mit Baumrinde belassene Holz stammt von den Bäumen, die für die Errichtung des Gebäudes gefällt werden mussten. Aus diesem Holz wurden für das Haus noch weitere Möbel, wie beispielsweise der große Esstisch, entworfen und gefertigt. Auch das Sofa sowie die mit einem Farbverlauf bedruckten Vorhänge sind Objekte, die gemeinsam mit dem Künstler Anselm Reyle entworfen wurden. [Download]

Baujahr: 2017
Bauherr: privat

Grundstücksgröße: 8.717 qm
Bruttogeschossfläche: 446 qm
Bruttorauminhalt: 2.120 cbm

Architekt: Tanja Lincke Architekten
Leistungsphasen 1 bis 9 (bis auf Betonrohbau LP 6 bis 8)
Mitarbeit Helge Engbert, Anja Rigamonti

Statik: Pichler Ingenieure GmbH
Bauphysik: Müller-BBM GmbH
Betontechnologie: Fläming Baustoff Labor
Brandschutz: hhpberlin GmbH